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Mit Mieze im Home Yoga Studio
Mit Mieze im Home Yoga Studio
Jetzt mal Tacheles!

Ein Jahr lang ist die Band MIA in der Versenkung verschwunden, hat eine kreative Pause eingelegt und neue Kraft gesammelt. Nun folgt die Wiedergeburt und mit „Tacheles“ das fünfte Album der Berliner Elektropop-Band.


Wir haben mit Sängerin Mieze über das Springen ohne Fallschirm gesprochen, über Tiefschläge und Höhenflüge, über grosse Gefühle und belebende Suppen... Und das alles in einer einzigen Yoga-Stunde.´

Es ist 13:30 Uhr und in der Berliner Friedrichsstrasse werden im „Home Yoga Studio“ die Matten eingerollt. Yoga-Lehrer Jan wünscht allen Teilnehmern einen tiefenentspannten Nachmittag und wir ordnen unsere Gliedmassen wieder dorthin, wo wir sie brauchen, um aufzustehen. Sängerin Mieze Katz hat uns eingeladen, sie in das Yoga-Studio ihres Vertrauens zu begleiten. Warum? Weil das der Ort ist, an dem sie sich regelmässig „new born“ fühlt.

Mieze, wir haben gerade jedes unserer Moleküle bewegt und Yoga gemacht. Wie fühlst du dich?
Wie neu geboren! Wenn ich aus einer Yoga- Stunde komme, fühle ich mich immer wie ein neuer Mensch. Sport generell, vor allem aber Yoga ist für mich ein tolles Ventil, um dem Alltag zu entkommen und mich auf etwas anderes zu fokussieren. Trotzdem arbeitet alles weiter im Kopf. Nach einer Yoga-Stunde ist es so, als wären alle losen Fäden, die ich vorher hatte, neu gebündelt. Als wäre meine Kraft nicht mehr so unkonzentriert, sondern würde wieder mehr zu mir gehören. Das ist ein schönes Gefühl.

Was passiert denn mit dir während einer Yoga-Stunde?
Meist komme ich aus einer wuschigen Alltagssituation: Ich komme von A, weiss schon, dass ich nach B will... Beim Yoga kann ich das aber ausblenden. Früher war ich bei den Übungen stark von meinem Ehrgeiz getrieben, heute habe ich gelernt, die Stunde aus purer Lust zu machen. Das ist ja das Tolle beim Yoga: Jeder kann aus einer Stunde machen, was er für sich möchte. Jeder kann sein eigenes Tempo, seine eigene Energie finden. Selbst wenn während der Stunde manchmal Hare-Krishna-Töne angestimmt werden – und das ist ein Schuh, den möchte ich mir nicht anziehen –, kann ich die Yoga-Praxis so für mich nutzen, wie ich das möchte. Meine Intention dabei ist einfach nur Spass. Ich liebe es, einmal durch alle Muskeln durchzufühlen und ganz aufgewärmt zu sein, ganz flexibel. Und das liebt mein Körper. Daran erinnert er sich und deshalb gehe ich auch immer wieder hin.


Was nimmst du aus einer Yoga-Stunde mit in den Alltag?
Beim Yoga gibt es zum Beispiel Übungen, die sehr schwer sind, sehr fordernd. Das ist wie im Leben. Da kommen auch Dinge auf mich zu, die sehr fordernd sind. Ich kann in der Yoga-Stunde üben, wie ich im Leben damit umgehen möchte. Ich schaffe zum Beispiel noch einen Atemzug länger, als ich dachte. Oder ich beschäftige mich mit der Frage: Wie kann ich mich in dieser unangenehmen Situation so einrichten, dass ich mich wohl fühle? Das ist tatsächlich etwas, das ich für mein Leben so mitnehmen kann.

Etwas, das dein Leben vermutlich gerade sehr beeinflusst, ist euer neues Album „Tacheles“. Worum geht es da?
Anders als alle anderen Alben markiert „Tacheles“ einen extremen Wendepunkt in meinem Leben. Durch die einjährige Pause war plötzlich eine ganz andere Welt da. Wie so ein Musikerleben ist, das weiss ich. Darin finde ich mich gut zurecht. Das habe ich schliesslich bis zu der Pause zwölf Jahre lang gelebt und geliebt. Das letzte Jahr hat mich dann mit einem Leben konfrontiert, mit dem ich gar nicht gut zurechtgekommen bin. Da gab es Menschen und Situationen, die mir einiges abverlangt haben. Das war sehr ungewohnt und sehr hart. „Tacheles“ markiert meine emotional tiefsten Momente und wie ich mich von dort aus wieder Wort für Wort in Richtung Licht geschrieben habe.

Erzählen MIA-Alben immer eins zu eins vom Leben der Mieze Katz?
„Tacheles“ zeichnet sich durch eine gewisse Stringenz aus, was das betrifft. Ich habe auf anderen Alben viele Geschichten erfunden. Natürlich spiegeln auch erfundene Geschichten ein aktuelles Innenleben wider. Aber jetzt war es so, dass dafür gar kein Platz war. Es war gar keine Fantasie nötig. Ich habe direkt alles aus meinem Herzen geschrieben. Das war meine Art der Verarbeitung, das war meine Art von Abstand zwischen Gedanken und Papier. Normalerweise bin ich jemand, der ziemlich viel mit sich alleine ausmacht, aber ich konnte nicht mehr und musste die Dinge aufschreiben.

In eurer aktuellen Single „Fallschirm“ geht es ja auch darum, Dinge immer wieder neu in die Hand zu nehmen, nicht aufzugeben und ohne Sicherheit immer wieder neue Sprünge zu wagen...
Ja, genau. Churchill hat mal gesagt: „Die Kunst ist, einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird.“ Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Hinfallen nicht so modern ist, nicht so en vogue. Gerade wir Deutschen haben Probleme damit, Fehler zu machen und es zuzugeben, wenn man welche gemacht hat. In anderen Ländern ist der Umgang mit Fehlern viel selbstverständlicher. Dabei ist der einzige Fehler, einen Fehler nicht zu korrigieren. Aber du musst auch erst mal Fehler machen können, das muss okay sein. Ich finde es absolut wichtig, sowohl die schlimmen Momente zu umarmen als auch die guten. Gerade in der Yoga- Stunde hat unser Lehrer Jan viel über Dinge wie Gleichmut und Gelassenheit gesprochen. Gleichmut ist aber nicht meine Schule. Ich ha- be das auch mal probiert, aber für mich heisst am Leben sein, alles zu fühlen: Die ganz traurigen, wütenden und extremen Momente will ich ebenso fühlen und erlauben wie die glücklichen Momente. Ich geniesse mittlerweile alle Farben. Die ganz dunklen und die ganz hellen.

Was machst du ausser Yoga, um dich wie neu geboren zu fühlen?
In arschkalten Zeiten wie diesen rettet mich die heisse Badewanne. Sich wie neu geboren zu fühlen erreicht man dann, wenn man sich etwas Gutes tut, egal was. Hauptsache, es ist etwas, das man geniesst. Schlafen hilft mir zum Beispiel immer, um mich wie neu geboren zu fühlen. Ich habe gemerkt, ich brauche eine ganze Menge Schlaf. In den letzten Monaten habe ich mich zur totalen Nachteule entwickelt. Mein Leben hat nachts stattgefunden, ich bin meist erst morgens ins Bett gegangen. Alle Texte sind auch nachts entstanden. Das lässt sich mit einem Promo-Alltag natürlich nicht vereinbaren. Das heisst, ich muss mich jetzt Stück für Stück wieder umjustieren.

Welche Musik hörst du, um dein Blut in neue Wallungen zu bringen?
Ich höre nur ganz wenig Musik. Ich liebe das Wort, ich höre Hörbücher. Davon habe ich bestimmt 3.000 Stück zu Hause. Aber es gibt Lieder, die ein bestimmtes Gefühl in mir auslösen. Wenn ich ein Lieblingslied habe, bin ich geradezu manisch und höre es rauf und runter. Und singe laut mit. Überall. Ich bin dann wie ein leeres Gefäss und fülle mich mit diesem Lied, bis ich überlaufe. Als Letztes hatte ich das mit „I Follow Rivers“ von Lykke Li.

Und was isst du gerne, wenn deine Batterien leer sind?
Es gibt hier in Berlin einen Japaner namens „Cocolo“ in der Gipsstrasse. Der hat diese eine Suppe, die heisst Tonkotsu Ramen. Wenn mich meine Lebensgeister verlassen, muss ich diese Suppe essen, die ist wie ein Lebenselixier. Was ist deine „New Born Location“? Ich liebe die Dächer der Stadt. Mittlerweile wird ja alles immer offizieller und immer mehr Dachluken werden abgeschlossen. Aber die paar Möglichkeiten, die es noch gibt, eignen sich hervorragend zur Alltagsflucht. Kurz mal die Perspektive wechseln!

Welche Perspektive hat die Zukunft?
Wir bereiten uns gerade auf das Live-Spielen vor. Gerade rollt eine riesengrosse Promo-Welle. Aber ich kann nur sagen, das ist meine Welt! Ich fühl mich hier total wohl und zu Hause. Seit ich zehn Monate drauf verzichten musste, weiss ich es noch mehr zu schätzen. Im Sommer werden wir fünf ganz exklusive Konzerte auf Festivals wie zum Beispiel Rock am Ring und Rock im Park spielen. Im Herbst folgt dann eine eigene Tour. Ich bin so neugierig auf das, was kommt, auf das, was passiert. Ich bin nach wie vor total aufgeregt und geniesse es!

MIEZE’S BERLIN HOT SPOTS

SNACK
Barcomi’s Deli
„Meine Empfehlung: das Reuben Sandwich.“
Sophienstrasse 21, 10178 Berlin

RESTAURANT
Cocolo
„Mein japanisches Lebenselixier: Tonkotsu Ramen!“
Gipsstrasse 3, 10119 Berlin

Locanda Pane
„Der Italiener, der so kocht, wie wir Musik machen!“
Ackerstrasse 14, 10115 Berlin

BAR
Bar Tausend
„Tolle Bar für tolle Nächte.“
Schiffbauerdamm 11, 10117 Berlin

SLEEP
The Circus Hostel
„Auf jeden Fall eine Übernachtung wert.“
Weinbergsweg 1a, 10119 Berlin

KULTUR
Kunsthaus Tacheles
„Sonntags ist offener Galeriegang: eine tolle Möglichkeit für Gespräche mit den Künstlern.“
Oranienburger Strasse 54-56a, 10117 Berlin

Das neue MIA-Album „Tacheles“ erscheint im März 2012


von Turid Reinicke
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