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International Talent Support
Fresh Fashion
Der Weg an die Spitze ist lang, der in den Mode-Olymp für manchen Jungdesigner schier unerreichbar. Umso wichtiger ist der richtige Support an entscheidender Stelle. Der von Diesel ins Leben gerufene „ITS“ (kurz für „International Talent Support“) ist ein regelrechter Karrierebooster. BLONDE-Autorin Mahret Kupka hat die diesjährige Gewinnerin Alice Knackfuss auf ihrem Weg nach oben begleitet.
Es ist ja nicht gerade so, dass es zu wenig Modedesigner gibt – nicht genug Menschen, die sich Gedanken dazu machten, wie der menschliche Körper am besten zu umhüllen sei. Jahr für Jahr spucken die Modeschulen, die es mittlerweile in allen Qualitäts- und Anforderungsabstufungen in fast jeder grösseren Stadt dieser Welt gibt, tausende junge Designer auf den Markt, die dann mal besser, mal schlechter auf das, was sie dort erwartet vorbereitet, zu rudern beginnen. Die wenigsten vermögen die Milch erfolgreich zu Sahne zu schlagen, als kreativer Kopf eines grossen Modehauses oder sogar hinter dem eigenen Label stehend. Doch was soll man jungen Menschen raten, die scheinbar unverbesserlich, ihr Glück im Modedesign suchen? Was, ausser an das eigene Können zu glauben, Durchsetzungskraft und Durchhaltevermögen zu beweisen, von viel Talent, Tränen und Geld einmal ganz abgesehen? Der Weg an die Spitze ist lang, steinig und hart, man braucht einen ausdauernden Atem, aber kann mit ein wenig Glück ein paar Abkürzungen nehmen.
Eine besonders vielversprechende beginnt wenige Kilometer von der kroatischen Grenze entfernt, jenseits der Alpen, an der Adria liegend im norditalienischen Triest. Zwischen neoklassizistischen Prachtbauten und in den verwinkelten Gassen der grundsanierten Altstadt der malerischen, ehemaligen habsburgischen Hafenstadt wird Jahr für Jahr beim International Talent Support, kurz ITS, einer Hand voll Jungdesignern, ein Karriereboost verpasst. Bei strahlend blauem Himmel, leichter Seebriese und unvermeidbarer Urlaubsstimmung ging der Wettbewerb im Juli dieses Jahres in die achte Runde.
Eine der 17 Finalisten der Kategorie Mode – gleichzeitig werden Preise für Accessoires und Fotografie verliehen – ist Alice Knackfuss, die mit ihrer Kollektion im Kofferraum über die Alpen gekommen ist. Für die 26-jährige AMD-(Akademie Modedesign)-Absolventin gibt es kaum Schlimmeres, als mit der Kollektion zu fliegen, verrät sie lachend bei einem Spontaninterview. Ich treffe sie in einem der opulenten Flure des erst kürzlich komplett renovierten Luxushotels „Savoia Excelsior“, direkt am Triester Hafenbecken gelegen, in dem am Samstagvormittag des Wettbewerbswochenendes Jury und Finalisten, der angereisten internationalen Presse Rede und Antwort stehen. So ist zu vermuten, dass Alice Knackfuss, die in ihrer gesamten Erscheinung ein wenig an Cosma Shiva Hagen erinnert, Ende April auch mit dem Auto nach Hyères gereist ist. Das südfranzösische Mittelmeerparadies, gleich neben Nizza und Cannes, beherbergt einmal pro Jahr das renommierte Festival International de Mode et de Photographie, und die Münchnerin hatte es auch dort unter die Finalisten geschafft. An diesem Vormittag stehen ihr noch alle Türen offen. Als geistige Haltung wählt sie eine Mischung aus durch gewisse Vorstellungen gespickte Erwartung und Offenheit: „Es ist schon wichtig, dass man auf etwas Bestimmtes hinarbeitet. Gleichzeitig muss man aber bei solchen Wettbewerben auch offen sein – wie in der Modebranche allgemein. So ist man hinterher weniger enttäuscht aber auch bereit, andere Wege einzuschlagen und zu schauen, was auf einen zukommt.“ Vor drei Jahren hatte Alice Knackfuss, die in ihrem ganzen Auftreten eine wahnsinnige Stärke und Bestimmtheit vermittelt, zum ersten Mal vom ITS Award gehört. Damals arbeite sie in der Münchner Filiale des Hauptsponsors Diesel, wo es die sogenannte Capsule Collection, des damaligen Diesel-Award- Preisträgers (ITS #4) Christoph Fröhlich, die er als Teil des Gewinns exklusiv für das italienische Jeanslabel gefertigt hatte, zu kaufen gab.
Der 31-jährige Designer ist an diesem Wochenende auch nach Triest gekommen. Ganz lässig in Shorts, Schlappen und T-Shirt schlendert der fast zwei Meter grosse blonde Rastamann, der in seinem Surfer-Outfit auf den ersten Blick ein wenig deplatziert wirkt, gemeinsam mit einem kleinen langhaarigen Japaner zwischen den sommerlich chic gekleideten Modemenschen umher. Doch Äusserlichkeiten scheinen dieser Tage überhaupt keine Rolle zu spielen, ganz anders, als man es bei einem Fashionaward erwarten mag. Wer hier ist, weiss genau, warum. „Das tolle am ITS ist, dass hier alle auf einem Level zusammenkommen“, verrät Christoph Fröhlich. „Jedes Jahr sitzen in der Jury so wichtige Menschen wie Renzo Rosso, Raf Simons und Gareth Pugh, an die man sonst als Jungdesigner nicht so leicht rankommt.“ „Awards wie dieser sind sehr wichtig für Studenten, weil diese mal aus ihrem gewohnten Schulumfeld herauskommen und auf Studenten anderer Schulen treffen. Der kreative Austausch wird gefördert, man lernt sich gegenseitig zu unterstützen, ganz natürlich und harmonisch“, ergänzt der Japaner, der sich als Teppei Sugaya vorstellt, Diesel-Award-Gewinner vom ITS #2, 29 Jahre alt und Absolvent des Central Saint Martins College of Art and Design, London. Teppei Sugaya und Christoph Fröhlich haben sich bei Diesel kennen gelernt, wo beide nach ihrer Teilnahme am ITS arbeiteten. Christoph Fröhlich, der sein Studium 2005 an der Royal Academy of Fine Arts in Antwerpen abgeschlossen hatte, arbeitet mittlerweile für Adidas Originals in München, ein Job, an den er ohne seine Teilnahme am ITS nicht ohne Weiteres gekommen wäre: „Es ist richtig, dass der Award uns Türen geöffnet hat.“
links: Alice Knackfuss - rechts: Barbara Franchin beim Sichten der Kollektionen
Die Atmosphäre ist entspannt, herzlich, familiär und ehemalige Finalisten und Awardgewinner wie Teppei Sugaya und Christoph Fröhlich kommen immer wieder gerne, um sich zu treffen, Erfahrungen auszutauschen und um die Neuen kennen zu lernen. Die gute Seele hinter dem ITS ist Barbara Franchin, die Jahr für Jahr mit ihrem rund 40-köpfigen Team die Modewelt an den Golf von Triest holt: „Wir lieben Schönheit und Kreativität, und wir lieben es, Leute mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen zusammenzubringen.“ Dabei spielt der Ort eine essenzielle Rolle. „Ich mag keine grossen Städte“, verrät Barbara Franchin auf Englisch, in typisch breiter italienischen Färbung. „Ein Event wie dieses braucht Zeit und Raum, in grossen Städten wie Paris, Mailand, New York, ist man zu abgelenkt. Es kommt zu viel Input von aussen. Die Leute, die interessiert sind, kommen hierher, geniessen das Wetter, das Meer und werden Teil der Veranstaltung. Auch an kleinen Orten können grosse Dinge passieren!“ Einen Monat pro Jahr reist die ehemalige Buchhalterin durch die Welt und besucht Modeschulen, um neue Talente zu entdecken: „Ich selbst bin nicht kreativ, aber ich bin sehr gut darin, Kreativität zu entdecken. Es ist meine Leidenschaft!“ Und die ist so gross, dass sie den Kontakt zu den Finalisten hält. Oft telefoniert sie stundenlang mit jungen Designern in der Krise, baut auf, macht Mut, vermittelt, gibt Ratschläge: „Die Modewelt ist sehr hart, die Konkurrenz immens. Nur sehr wenige Designer werden mit eigenen Labels erfolgreich, und ich habe schon so viele scheitern sehen. Dabei gibt es viele Möglichkeiten als junger Modedesigner unterzukommen. Nicht jeder muss auf den grossen Laufstegen dieser Welt vertreten sein. Wir versuchen mit ITS auch neue Wege aufzuzeigen, ein breiteres Denken anzuregen. Die jungen Designer sollen wachsen und ihre eigenen Möglichkeiten erkennen. Wir unterstützen keine Träume, sondern Projekte!“ Zum Erfolg führe schliesslich eine Kombination aus Cleverness, Glück, Geld und den richtigen Kontakten.
Ein Erfolgsrezept, das David Steinhorst befolgt zu haben scheint. Vergangenes Jahr Sieger des „Fashion Collection of the Year“-Awards durfte der gebürtige Karlsruher und Central St. Martins Absolvent seine aktuelle Kollektion dieses Jahr exklusiv bei der grossen Fashionshow „The greatest Show of all“ am Samstagabend des ITS #8 Wochenendes im Salone degli Incanti im Triester Hafen präsentieren. Nach seinem Sieg 2008 ist der 30-jährige Designer nach Mailand umgezogen, lernt Italienisch, designt für Antonio Berardi und fühlt sich wohl in seiner Haut. Während nach den Shows und der Siegerehrung für viele die Zukunft weiter ungewiss bleibt, können sich Mason Jung aus Korea (Fashion Collection of the Year), die Russin Masha Lamzina (Fashion Special Prize), die Französin Elise Gettliffe (i-D Styling Award), Michael Van Der Ham aus den Niederlanden (Vertice Award) und Alice Knackfuss aus Deutschland (Diesel- Award) erst einmal zurücklehnen. Was sich für Alice jetzt genau verändern wird, weiss sie noch nicht, jedenfalls wird sie wohl nicht wie zunächst geplant nach Brüssel umziehen. Um 50 000 Euro reicher und die Zusage eines Praktikums beim Diesel-Creative-Team in der Tasche scheint sie für die alles umwabernde Krise gewappnet zu sein, die auch nicht vor dem ITS halt macht.
„The Greatest Show of all“ war leider auch the last show of all. Nach acht Episoden verabschiedet sich das Team vom Award-Markt und überlässt die ständig nachströmenden Jungdesigner der Festivalkonkurrenz. Begründet wird die Entscheidung mit einer „nötigen Reaktion auf härtere Zeiten“. Die Zukunft wird im Internet stattfinden, ergänzt durch reale Events, die in Modehauptstädten wie London und Paris stattfinden sollen. Ob die neuen Vorhaben je das Renommee des ITS erreichen werden, wird sich zeigen. Bislang können die Organisatoren nach eigenen Angaben auf 1350 Pressereaktionen, 150 000 Reisekilometer durch 19 Länder auf der Suche nach Kreativität, Kontakt zu mehr als 800 Schulen, 5600 Bewerber aus 61 Ländern, 317 Finalisten, 86 Gewinner, 6 Tonnen an Portfolios, 116 Outfits, 56 Accessoires und 450 Fotos zurückblicken. Gewinner der ITS Awards sind heute u. a. tätig für Labels wie Moschino, Cavalli, Antonio Marras, Christian Dior, Roberto Cavalli, Vivienne Westwood und Alexander McQueen. Fakten, die den Award zu einem der grössten seiner Art machten. Nun muss es der Nachwuchs ohne die Abkürzung ITS schaffen – eine Tatsache, der Christoph Fröhlich durchaus etwas Positives abzugewinnen vermag: „Ich finde, es ist eine tolle Zeit für Nachwuchsdesigner. Sie können nie so stark betroffen sein, wie die ganz grossen, weil sie selbst noch nicht so viel zu verlieren haben. Das Risiko etwas Neues zu wagen ist sehr viel geringer“, erklärte er noch am Vormittag. „Ich sehe die Krise als Chance. Ich denke, dass viele neue Sachen entstehen werden und spezifische Märkte wachsen. Davon können die Jungen nur profitieren!“
von Mahret Kupka
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