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Indian Summer
Indian Summer
Indiens Designer

Wir haben uns mit Indiens Style-Blogger Nummer eins Manou von Wearabout in die Modeszene der bunten, lebendigen und vielfältigen Mega-City Mumbai begeben und für euch die fünf aufregendsten Designer des Landes aufgespürt.


In knallfarbenem Sari trällert die Protagonistin herzzerreissende Lieder von Glück und Leid der Liebe, während im Background ein Dutzend weitere Frauen in nicht minder bunten Saris die Gefühle in synchronisierte Choreographien übersetzen – die cineastische Welteroberung der Bollywood-Filme bestimmt die internationale Wahrnehmung der Kultur Indiens und stellt alle anderen kreativen Ergüsse des Landes in den Schatten. Dabei werden in Indien nicht nur Hindi-Streifen en masse produziert. Die Modeindustrie wächst seit der ersten New Delhi Fashion Week vor elf Jahren ununterbrochen und knüpft an die Jahrtausende alte Textilgeschichte Südostasiens an. Der Plan ist es, die traditionellen Skills der Herstellung von Stoffen aus Wolle, Kaschmir, Seide und Baumwolle zu nutzen, mit japanischer und europäischer Schnittkunst zu kombinieren und den Stempel „billige Exportware aus Indien“ abzuschütteln.

Das Ziel wird hartnäckig verfolgt, inzwischen finden in Indien jede Saison zwei Modewochen statt. Fashion-Insider und Blogger Manou berichtet: „Einkäufer und Redakteure besuchen die Lakmé Fashion Week (LFW) in Mumbai und die Modewoche in New Delhi (Wills India Fashion Week) gleichermassen“, und so rennt Indiens In-Crowd aufgewühlt von einer Location zur anderen, um die Kollektionen der knapp 200 Mode- und Accessoires-Designer zu begutachten. Die Masse an Schauen und neuen Designs bedeutet aber nicht gleichzeitig, dass sich Indiens Modeszene international etablieren könnte. Wie hoch stehen die Chancen, von Paris, NY, London & Co. als Fashion-Pool wahrgenommen zu werden?


Geschätzte 70 Prozent aller Inderinnen tragen ausschliesslich traditionelle Kleidung. Für ansässige Modedesigner ist die Herstellung von Saris ein Garant für Wohlstand, und wenn ihre Kreationen zusätzlich in Bollywood-Filmen getragen werden, gleicht das dem Knacken des Jackpots: Der Sari wird zum Bestseller und für in Indien ständig anstehende Hochzeiten geordert. Mode hängt in Indien stark mit Hochzeiten und Bollywood zusammen: „Ohne diese beiden Komponenten existiert Mode nur in Nischen“, bemerkt Fashion-Guru Suzy Menkes.

Sehr langsam tastet sich die wachsende Mittelschicht an internationale Einflüsse heran. „Gerade erst beginnen die Leute in Indien, mehr zu reisen. Sie bekommen neue Inspirationen und durch Websites und Style-Blogs wie lookbook.nu und chictopia.com entwickeln sie ein internationales Modebewusstsein und verlieren langsam, aber sicher die Angst, Kleidung in Online-Shops zu kaufen“, erzählt Manou. Die „Furchtlosen“ sind allerdings ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung Indiens.

Wer als Designer Geld verdienen will, wird mit ungewöhnlichen Kreationen in Indien nicht weit genug vordringen. „Die meisten Modedesigner sind zufrieden mit dem indischen Markt, sie sind glücklich, dass sie jede Menge Geld mit traditioneller Kleidung machen können. Ich habe mich dafür entschieden, einen anderen Weg zu gehen, einen Weg, der mich in Bezug auf meine Kreativität zufrieden stellt. Ich bin leider – oder zum Glück! – der Einzige, der über den Tellerrand blickt“, bemerkt Indiens international bekanntester Designer Manish Arora, der seine Kollektionen mittlerweile in Paris zeigt. Der Grossteil der Designer wiegt sich lieber in Sicherheit und steht der Internationalität im Wege.

Einige wenige wie zum Beispiel Sabyasachi lassen sich von globalen Einflüssen inspirieren, kombinieren die kunterbunten und hochwertigen Stoffe mit europäischer und japanischer Schnittkunst und transformieren den Sari in die Moderne. Der Clash stösst sowohl in Indien als auch im Ausland auf grosses Interesse und ebnet den Weg in eine moderelevante Zukunft.

Wir haben fünf Designer, die den Blick in die Ferne wagen und sich nicht ausschliesslich mit Hochzeitskleidern und Bollywood-Kostümen begnügen, näher betrachtet. Watch out Mr. Manish Arora, you’ve got some concurrence!

Klassisch elegant geschnittene Bikinis, Tankinis, Badeanzüge, Kaftane und Cocktailkleider in kräftigen Farben: Die aktuelle Sommerkollektion des Beachwear-Labels Shrivan & Narresh erinnert an die weiblichen Gäste einer Palm Springs Pool Party um 1955. Shrivan Bhatia und Narresh Kukreja, die beide am National Institute of Fashion Technology New Delhi Modedesign studierten und seit 2004 zusammenarbeiten, haben sich auf 100 Prozent nahtfreie Bademoden spezialisiert und sind Indiens erste Designer, die ihre Kollektion „Insectoid“ 2008 auf der Mare di Moda in Cannes präsentierten. Ihre Holiday-Kollektion 2011 steht unter dem etwas weniger krabbeligen Motto „Vanilla“ und richtet sich an eine Lady von Welt, die sich gerne an ihre Kindheit erinnert. „Egal wie alt man ist oder woher man kommt, der Geschmack und das Aroma von Vanille geben einem das Gefühl von Freizeit, Sorglosigkeit und Süssigkeiten“, erklärt Narresh Kukreja. Und tatsächlich, der Anblick der pink-rot-beigen Kreationen weckt die Lust auf Sommer, Sonne, Sonnenschein und eine grosse Portion Eis. shrivan-narresh.blogspot.com

Eine pompöse Swarovski-Krone, Schulterstücke und Bordüren in kräftigen Farben, verbunden mit Ketten aus goldenen Gliedern und grossen Acryl-Herzen: Die Accessoires von Little Shilpa a.k.a. Shilpa Chavan erinnern an Überbleibsel aus einer Märchenwelt mit Feen, Trollen und anderen Fantasiegestalten. Das Wunderland-Know-how hat sich die winzige Designerin (der Name ist Programm) aus Mumbai bei Englands bekanntestem „verrückten Hutmacher“ Philip Tracey angeeignet und die Überbleibsel findet sie da, wo sonst niemand hinschaut. Little Shilpa sammelt kleine Dinge des Alltags, die für unsere Wegwerfgesellschaft unbrauchbar geworden sind, und entwirft daraus ihre mystischen Kollektionen. Shilpas Inspiration für das moderne Recycling findet sie bei dem französischen Lyriker Charles Baudelaire, der schrieb: „Alles, was die Grossstadt wegwarf, alles, was sie verlor, alles, was sie verachtete, alles, was sie mit Füssen trat, das sammelt und katalogisiert er... Er wählt Dinge aus und trifft eine kluge Wahl: Wie ein Geizhals, der einen Schatz bewacht, sammelt er den Abfall, der zwischen den Kiefern der Gottheit Industrie die Form nützlicher oder befriedigen der Gegenstände annehmen wird.“ Little Shilpa macht aus Alt Neu und kreiert handgemachte Einzelstücke, die mehr an Skulputurkunst als an tragbare Mode erinnern. Für Lady Gaga, die ein Swarovski-Kopfteil von Little Shilpa 2009 auf dem Cover des „Flare“-Magazins trug, haben die Accessoires das richtige Mass an Exzentrik, für die meisten anderen dienen die sagenhaften Schmuckstücke mehr als Anschauungsobjekt. Modejournalist Colin McDowell bemerkte nach der Little Shilpa Show auf der Lakmé Fashion Show 2010: „Shilpa Chavans Kollektion ist berauschend, pure Fantasie. Ihre Arbeiten sollten in Galerien gezeigt werden und nicht auf Catwalks.“ Note: Little Shilpa wurde von „Elle“ und „Marie Claire India“ mit dem Titel Accessoires-Designerin des Jahres ausgezeichnet und zeigte ihre Kollektionen unter anderem auf den Modewochen in Berlin und London.
littleshilpa.com

Boheme Chic meets Sari – Sabyasachi Mukherjee hat sich zur Aufgabe gemacht, den Mix aus Internationalität und Tradition zu perfektionieren. Der Lieblingsdesigner der Bollywood-Celebs kreiert klassisch westliche Schnitte aus traditionell indischen Stoffen und das Ergebnis sind Kleider, die innovativer nicht sein könnten. Das blieb auch ausserhalb Indiens nicht unbemerkt: Sabyasachi zeigte seine kulturübergreifende Kreationen unter anderem auf den Fashion Weeks in London, NY und Miami.

Bei seiner letzten Modenschau auf der Lakmé Fashion Week 2011 stolzierten die Models in gemusterten Maxikleidern aus Seide und Khadi, immer mit Wayfarer-Fensterglasbrillen und strengem Dutt nach oben, über den Laufsteg: ein Clash aus Manga-Einflüssen, europäischen Vintage-Silhouetten à la Heidis Fräulein Rottenmeier, den Farben der Sundarbans-Tiger und dem Stil der Sundarbans-Frauen, die im gleichnamigen weltgrössten Mangrovendschungel leben. Um auf die Bedrohung des Lebensraums der Tiger aufmerksam zu machen, kooperiert Sabyasachi mit der indischen Initiative Save Our Tigers und nutzte seine Show für einen Appell an die Menschlichkeit. „Ich wende mich gegen die Notlage der Tiger und die erschreckend schnell voranschreitende Abholzung des Sundarbans-Dschungels. Mehr als 17.000 Frauen kaufen jede Saison meine Kleider; wenn sie die Message erkennen und weiter tragen, habe ich meinen Namen genutzt, um die Tiger zu retten“, erklärt der Designer. Sabyasachi liebt Indien, Sabyasachi liebt die Welt – und seine Kleider spiegeln es wider.
sabyasachi.com

Masaba Gupta ist die Charlotte Ronson unter den indischen Designern: Sie ist jung, sie ist eine Celebrity-Tochter und sie macht fabelhafte Mode. In ihren Kreationen verbindet sie den Stil traditioneller Saris mit modernen Elementen wie einzigartige Farben und ungewöhnliche Prints. Für ihre aktuelle Kollektion „Straight from My Soil“ hat sie sich von ihren Eltern oder vielmehr von ihren Wurzeln inspirieren lassen. Musabas Vater ist der afro-indische Cricketspieler Vivian Richards und ihre Mutter die berühmte Bollywood-Schauspielerin Neena Gupta. Kopfschmuck, der an afrikanische Wasserträgerinnen erinnert, Wickeltücher in den leuchtenden Farben, wie sie die Massai tragen, Saris aus bunten Seidenstoffen, originell gelayert: ein indischafrikanischer Mix, zeitgemäss aufgearbeitet. „Meine Käufer sind hauptsächlich Collegestudenten aus Indien, die gerne mit Farben experimentieren und trendy sind, aber auch grossen Wert auf die Bequemlichkeit ihres Outfits legen“, berichtet Masaba, die regelmässig die verschiedenen Stores in Mumbai besucht und überprüft, ob ihre Kollektions-Teile zielgruppengerecht platziert sind. Die 21-Jährige, die in London Modedesign studiert hat, musste sich ihren Status quo in Indiens Modeszene hart erkämpfen und beweisen, dass sie sich nicht mit dem Namen und dem Geld ihrer Eltern in die LFW eingekauft hat. Mittlerweile haben die Modejournalisten erkannt, dass Masaba voller unbezahlbarer Kreativität steckt. Sie gilt in Indien nach nur zwei Jahren als etablierte Modedesignerin und hat seit 2010 ihren eigenen Flagship-Store in Mumbai, finanziert von den Erträgen ihrer Kollektionen.
houseofmasaba.com

Ein bisschen Marie Antoinette, ein bisschen „Raumschiff Enterprise“ – die Sommerkollektion von Manish Arora wirkt wie ein „Starlight Express“-Besuch auf LSD. Knallgelbe Latex-Leggings, absurder Kopfschmuck des belgischen Hutmachers Christophe Coppens, übergrosse Applikationen und Goldhörner, die sich um bonbonfarbene Kleider schlingen: Indiens bekanntester Designer hat sich ganz tief in seine Fantasiewelt begeben und uns von seinem Trip wieder einmal unfassbar aufregende Kreationen mitgebracht. Mr. Arora schafft es, sich jede Saison neu zu erfinden. Das einzig Beständige in seinen Kollektionen sind die indischen Wurzeln, die sich in Form von knalligen Farben, Stickereien und Pailletten in seinen Kleidern widerspiegeln. Seine unerschöpfliche Kreativität und seinen Sinn für Avantgardismus hat Manish Arora von New Delhi über London nach Paris gebracht, wo er als erster Designer Indiens seit 2007 seine tragbaren Kunstwerke zum Besten gibt. Dass er sich in der französischen Hauptstadt als Modemacher etabliert hat, wird spätestens in diesen Tagen klar: Als neuer Kreativdirektor darf Arora ab Oktober 2011 für Paco Rabanne die Kleider entwerfen. Passt ganz gut: Dafür muss er noch nicht einmal von seinem Trip runterkommen, da sich Rabanne anscheinend auf demselben befindet. Auch er sorgte in den 1960ern mit futuristischen Designs für Furore und hat nach seinem Ausstieg 1999 bekannt gegeben, dass er an ausserirdisches Leben glaube und das Ende der Welt bevorstehe. An diese Exzentrik möchte das Pariser Modehaus wieder anknüpfen und trifft mit der Entscheidung für Manish Arora ins Schwarze. manisharora.ws



von Anna Baur
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