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Zweite Haut
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Klangleder

Ob Lady Gaga, Madonna oder Elvis, die grossen Stars rocken die Bühnen erst richtig , wenn eine Lederjacke mit im Spiel ist. Warum und vor allem seit wann moderne Musik und die Lederjacke zusammengehören wie die Sex Pistols und die Queen, hat Joachim Hentschel für uns herausgefunden.


Wer dieses Ding anzieht, verwandelt sich in eine Fledermaus, in einen Superhelden, einen Sexgott. Nicht in einen Biker oder Piloten, obwohl das ja die Berufsstände sind, für die Lederjacken eigentlich erfunden wurden. Das Modell, um das es hier geht, ist hüftbetont geschnitten, ohne Reissverschlüsse oder Fetisch-Acessoires. Dafür haben die Designer Viktor & Rolf zwei riesige schwarze Windräder auf die Schultern gesetzt. Und Lady Gaga trug darunter nur Unterwäsche und Stiefel, als sie in der Show des grossen US-Talkmasters David Letterman damit auflief. Der war sprachlos (oder spielte das gut). „Die Jacke war heute das einzige Stück, das mir gefiel“, erklärte Gaga ihrem Gastgeber. „Deshalb habe ich ausser ihr nichts an.“

Und, so könnte man ergänzen: Wenn die Pop-Queen durch ein solches Oberteil noch ein wenig zusätzliche Rock ’n’Roll-Glaubwürdigkeit abbekommt, hat bestimmt kein Stylist etwas dagegen. An Lederjacken hängen so viel Charakter und Identität, so viel Coolness und Geheimnis, so viel magische Kraft, ein Künstler-Image komplett umzustülpen – es ist zweifellos das wichtigste Kleidungsstück der Musikgeschichte. Nicht nur getragen von echten Helden wie Elvis und David Bowie, Madonna oder Billy Idol, von Punks, Gruftis und Elektro-Hexern, sondern natürlich auch von unzähligen Möchtegern-Rebellen. Wer Jeanette Biedermann mal ganz in Leder gesehen hat, findet sich selbst danach nur noch halb so strassensmart.

Dabei hat die Jacke nicht nur Leute zu Stars gemacht, sondern auch selbst eine unglaubliche Karriere hingelegt: vom reinen Funktions-Outfit zum Modethema in wenigen Jahrzehnten. Im Ersten Weltkrieg waren es noch Militärflieger, die mit dem Leder die Kälte abwehrten, im russischen Bürgerkrieg die Rote Armee. In den 40er-Jahren entdeckte die Jugendkultur der USA dann das Motorrad als Symbol für Freiheit und röhrende Aggression und vereinnahmte die zugehörige Schutzkleidung gleich noch mit.

Die erste wichtige Lederjacke der Pop-Historie trug ausgerechnet ein Schauspieler: Marlon Brando 1953 im Film „Der Wilde“, in dem er als Chef einer Biker-Gang eine kleine kalifornische Stadt terrorisiert. „Wogegen rebellierst du?“, fragt ihn in einer Szene ein Mädchen. Er antwortet, sichtbar brodelnd: „Was hast du anzubieten?“ Dabei trägt Brando die berühmte schwarze Schott Perfecto mit dem diagonalen Reissverschluss, eine von dem New Yorker Designer Irving Schott entworfene schwere Motorradjacke, nach dem Film tausendfach verkauft. James Dean in seinem roten Kunstfaseranorak war ein Weichei dagegen, ebenso viele Musiker der frühen 50er-Rock ’n’Roll-Zeit – zumindest optisch: Jazzer und Blueser, Gesangsgruppen und einsame Cowboys, auch die ersten wirklich bösen Jugendverführer wie Little Richard, Jerry Lee Lewis oder Elvis trugen meistens Hemd und Anzug. Swing-Garderobe, Sachen, in denen man zwar tanzen, sich aber niemals anständig prügeln konnte.


Die Leder-Revolution kam in den frühen 60ern tatsächlich aus dem Underground durch eher unbekannte Typen wie die US-Musiker Johnny Burnette oder Link Wray und den Briten Vince Taylor, der sich angeblich vom Schaufenster eines Londoner Wintersportgeschäfts inspirieren liess.

Für die kriminelle, gewaltbereite Aura, die der Motorradkluft damals noch anhaftete, waren im grossen Teenager-Publikum noch längst nicht alle bereit. Die Beatles wurden vom Management extra aus den Lederhäuten gepult, in denen sie die Keller der Hamburger Reeperbahn gerockt hatten, und in graue Anzüge geknöpft. Der grosse Elvis bekam seine erste Bühnenjacke erst 1968 verpasst – und wie das passierte, das ist eine der vielsagendsten Geschichten zum Thema.

Der einstige Rock ’n’Roll-Superstar steckte damals im Karriereknick, hatte acht Jahre lang keinen TV-Auftritt gehabt, galt als abgemeldet. Das Comeback war vom berühmten Manager Colonel Tom Parker minutiös als gewaltiges Fernseh-Special auf NBC geplant, das Elvis’ Ruf als ernsthafter Künstler wiederherstellen sollte. Umso wichtiger: Was sollte er anziehen? Kostümdesigner Bill Belew schlug vor, diverse Outfits durchzuwechseln, Elvis selbst setzte durch, dass er den grössten Teil der Show ganz in schwarzem Leder spielen würde. 42 Prozent der Amerikaner schalteten ein, das Bild brannte sich ein, wurde legendär: Elvis, die ehrliche, raue Haut, sexy und authentisch wie nie. Die Jacke rettete ihn.

Mit Motorenduft und knirschender Rebellion hatte das freilich nichts mehr zu tun. Seit den 60’s bedeutet die Pop-Lederjacke viel, aber eben auch alles Mögliche. Traumfrauen wie Françoise Hardy oder Marianne Faithfull trugen sie als neckische Provokation, Jim Morrison oder David Bowie sahen darin wie schwindsüchtige Bohemiens aus. Andy Warhol und Lou Reed nutzten die Jacke als schwarzen Panzer gegen jedwede Hippie-Seligkeit, schwule Rocker wie Freddie Mercury oder Judas- Priest-Sänger Rob Halford als Fetisch-Objekt. Erst die Punk-Explosion um 1976 brachte etwas Gefährlichkeit zurück, vorübergehend. Die Ramones trugen ihre Bomberjacken wie eine Stadtguerilla-Uniform, Sex-Pistols-Bassist Sid Vicious machte aus seiner Schott Perfecto – dem Marlon-Brando-Modell! – mit Buttons und Aufschriften eine spätrevolutionäre Pinnwand. Als er 1979 an einer Überdosis Heroin starb, mit 21, hatte er im handgeschriebenen Testament verfügt, er wolle in seiner Jacke begraben werden.

So viel Verbindlichkeit auf Leben und Tod erscheint heute albern. 2012, im Zeitalter der Pop-Ironie, der Zitatkunst und Retrowellen, dürfen sich auch die Kleidungsstücke nicht mehr ganz so ernst nehmen – und sind längst zum Spielball der Designer geworden. Die Windrad-Lederjacke hatte sich Lady Gaga aus der Kollektion von Viktor & Rolf gepickt, ihr ganz eigenes Modell brachte sie vergangenen Herbst auf den Markt – in Kooperation mit Schott. Die Pariser Obercoolen von Surface to Air haben eine eigene Linie für das Elektro-Rock-Duo Justice gestartet, die Kollegen Daft Punk wurden von Hedi Slimane persönlich in Leder gehüllt.

Wer will, kann hier sogar einen Back-to-the-Roots-Trend riechen: Der Biker-Look all dieser hippen Exemplare erinnert an die 50er-Jahre-Ursprünge der Lederjacke. Das poppige rot- schwarze Knautsch-Oberteil mit V-Blitz, in dem Michael Jackson 1984 durch sein „Thriller“-Video tanzte, erzielte zwar kürzlich bei einer Auktion sensationelle 1,8 Millionen Dollar, ist aber auch ein Fall fürs Museum. Die Gegenwart ist eher funktional. Und schwarz.

Das grösste Rätsel der Ledergeschichte ist allerdings noch nicht gelöst: Warum haben es in fast 60 Jahren Rock ’n’Roll so unfassbar wenige Stars geschafft, ihrer Kutte eine Hymne zu singen? Es gibt berühmte Songs über Wildlederschuhe, über Jeanshosen, T-Shirts und Adidas-Sneakers, aber keinen echten Jacken-Klassiker. Vielleicht, weil es Statement genug ist, das Ding zu tragen, und Worte den Zauber kaputtmachen könnten. Jedenfalls muss man auf das Werk der eher unbekannten neuseeländischen Indie-Rock-Band The Chills zurückgreifen, um das poetische Schlusswort zu finden: „Sie ist die einzige konkrete Verbindung, die man zu abwesenden Freunden hat“, sangen sie 1986 in „I Love My Leather Jacket“, und: „Sie ist wie ein Symbol, das ich tragen kann, bis wir uns wieder sehen.“ Manchmal ist die zweite Haut einem eben näher als die erste.



von Joachim Hentschel
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