5 GUM Vision Lab
Not senseless at all
Sinnlos hier über Sinnlichkeit zu sinieren? Überhaupt nicht! Es ist sogar an der Zeit mal richtig ins Detail zu gehen.
Sinnlichkeit würde immer ein wenig nach Rosamunde Pilcher klingen, erklärte Holm Friebe, Kurator des 5 GUM Vision Lab im Berliner Weekend Club im Interview. Auch, dass die Deutschen immer so ihr Schwierigkeiten mit Emotionalitäten hätten. Interessant, dass es dann bei der Einführungsveranstaltung des neuen 5Gum-Kaugummis aus dem Hause Wrigley eben genau darum geht: die Sinne. „Emotion wird in der Designwelt zunehmend als Mehrwertkomponente wahrgenommen“, so Friebe. „Es geht nicht länger nur um ‚Form Follows Function‘.“ Flugs wurden daher fünf Experten, die sich in den entsprechenden Bereichen bis dato besonders hervorgetan hatten geladen, um mit dem Designnachwuchs zu arbeiten. Das Ziel: neue Sinneserfahrungen zu erarbeiten, ganz getreu dem Motto des neuen 5Gum „Stimulate your senses“. Mark Eley, 50 Prozent des Londoner Modelabels Eley Kishimoto vertrat die Sektion „Look“ und referierte zum Thema „Surface Design“, bei der in Berlin lebenden Norwegerin und Geruchsforscherin Sissel Tolaas ging es um „Smell“, die Kategorie „Hear“ war durch den seit 1998 als DJ und Producer arbeitenden Ewan Pearson vertreten. „Taste“ wurde repräsentiert von der Molekularköchin Telse Bus, „Touch“ vom schwedischen Designkollektiv Front. Als Special Guest konnte der New Yorker Streetstylefotograf Scott Schumann gewonnen werden, der – besser bekannt als „The Sartorialist“ – mit Vorliebe schöne Menschen, in schöner, inspirierender Kleidung in seinem gleichnamigen Blog einer ständig wachsenden Fanschar vorstellt. Die Workshopteilnehmer waren zuvor von den sechs Experten aus einer Schar an Bewerbern ausgewählt worden. Dem vielversprechendsten Bewerbungsprojekt winkte ein Förderpreis über 10 000 Euro. Diesen durften schliesslich Nadine Freischlad und Nina Eggemann für ihr „Ocean-Cookbook“ – ihr Kochbuch für ein mögliches zukünftiges Leben zu Wasser mit nach Hause nehmen.
BLONDE traf sich im Rahmen des 5 GUM Vision Labs mit Sofia Lagerkvist und Anna Lindgren vom schwedischen Designerkollektiv Front, zu dem sonst noch Charlotte von der Lancken und Katja Sävström gehören. Seit 2003 erarbeiten die vier gemeinsam innovative Projekte, wie in den Raum gezeichnete Möbel, die sich anschliessend per 3D-Drucker plotten lassen, die auf der Mailänder Möbelmesse für Aussehen sorgen oder ihnen den Preis der Design Miami 2007 bescherten. Wie sprachen mit ihnen am Tag vor den Workshops über aufblasbare Materialien, männliche Kollegen und wie es ist, die „glamouröse Girlgroup der Designwelt“ zu sein.
Vier junge gutaussehende Frauen – die „glamouröse Girlgroup der Designwelt“ steht zum Beispiel im Pressetext. Stand euch diese Tatsache jemals im Weg, oder hat sie euch geholfen? Wie steht ihr zu solchen Bezeichnungen?
Darüber haben wir uns schon oft lustig gemacht. Gibt es überhaupt auch Männerkollektive über die ähnlich gesprochen wird? Zunächst ist es überhaupt sehr verwunderlich für uns, warum es so etwas Besonderes ist, als Designerin zu arbeiten. Die Designwelt ist fraglos sehr männerdominiert und das obwohl es sehr viele Designstudentinnen gibt. Am Ende arbeiten dann doch immer nur die Männer. Warum das so ist, wissen wir nicht. Viele Firmen für die wir arbeiten, haben zuvor nie mit Designerinnen zusammengearbeitet. Das ändert sich gerade sehr, vor allem, weil immer mehr Individualität im Designprozess gefragt ist. Das Interesse ist immens gestiegen, auch das an den Personen hinter den Designs. Wir sind sehr froh, Teil dieser Veränderungen zu sein. Ob es bisher für uns von Vor- oder Nachteil war, eine Frauengruppe zu sein, können wir gar nicht sagen, weil wir schon von Anfang an so gearbeitet haben und es nicht anderes kennen. Wie arbeiten ja in erster Linie auch nicht als Frauen zusammen, sondern als Designerinnen. Frauen sind wir ja einfach so.
Wie ist das überhaupt, zu viert zusammenzuarbeiten. Gibt es da keine Probleme? Könnt Ihr euch immer einigen. Hat jede von euch eine konkrete Aufgabe, oder sind eure Designs Ergebnisse eines demokratischen Prozesses?
Jede von uns macht schon unterschiedliche Dinge, aber wenn es um die Entwicklung einer Idee geht, arbeiten wir immer zusammen. Jede trägt ihren Teil dazu bei, insofern kann man unseren Arbeitsprozess schon sehr demokratisch nennen. Die Tatsache, dass wir alle sehr offen sind in unseren Ideen, macht die Arbeit zusätzlich einfacher. Wir sehen es als Stärke, zusammenzuarbeiten, mal abgesehen davon, dass es auch sehr viel mehr Spass macht. Das Teilen einer Idee, Reisen, Events wie dieses, Preise, die kann man dann zusammen feiern.
Bei dem SKETCH-FURNITURE-PROJEKT werden die Handbewegungen in 3D-Dateien verwandelt und anschliessend materialisiert.
Diese Frage stellt man uns oft. Viele glauben, dass wir uns oft streiten, das erwartet man wohl von Frauen. Wir halten das für ein Gerücht. Frauen sind sehr gut in der Zusammenarbeit, können Dinge viel besser Teilen als Männer. Wir haben zusammenstudiert und haben uns schnell angefreundet, wir mochten unsere Projekte, und wir lieben Design. Da war schnell klar, dass wir auch gut zusammenarbeiten könnten.
Woraus zieht ihr eure Inspiration?
Wir sind sehr interessiert an Technologie, deswegen haben wir Design studiert, und so sind wir ja auch zusammengekommen. Uns interessiert das Zeitgemässe. Wir schauen auf Dinge, die neu sind und versuchen sie mit Traditionellem zu verbinden. Wir interessieren uns für sehr viele Dinge, Fernsehen, Literatur, Computerspiele etc., sind sehr offen für alles und können so erst Unvorhergesehenes schaffen.
„Touch“. Was bedeutet das für euch? Welche Rolle spielt die Haptik, das Material in euren Entwürfen? Könnt ihr konkrete Beispiele geben?
Konkrete Beispiele unserer Arbeit zu geben ist schwierig. Im Grunde geht es nicht immer nur um eine spezifische Sache, sondern um das Objekt als solches. Uns interessieren das Design, der Designprozess und das, was man zu einem bereits existierenden Objekt beitragen kann. Wie können wir beispielsweise ein bereits bestehenden Objekt noch besser machen.
Was werden die Workshopteilnehmer bei euch lernen?
Bei uns wird es um aufblasbare Materialien gehen, um Kaugummis zum Beispiel, um die Idee von etwas, das sich verändert und keine fixe Struktur haben. Wir werden die Leute mit aufblasbaren Dingen arbeiten lassen, sie sollen das Material herausfordern. Am Ende soll eine Lampe entstehen. Zuvor werden wir untersuchen, was eine Lampe ist, was sie ausmacht. Vielleicht haben wir später viele aufblasbare Lampen? Wir werden sehen.
Welche Tipps könnt ihr jungen Designern mit auf den Weg geben?
Erst einmal anzufangen, Projekte zu machen, eigene Ausstellungen zu organisieren und nicht auf irgendetwas zu warten. Wichtig ist auch, nicht zu versuchen irgendwie „smart“ zu sein, nicht gleich an die Produktion der Entwürfe zu denken, stattdessen verrückt draufloszuentwerfen und erst am Ende sehen, ob es sich umsetzen lässt. Ein genuines Interesse für Design sollte immer erkennbar bleiben. Es ist sehr selten, dass Leute Sachen in einer Ausstellung sehen und diese gleich produzieren wollen. Es geht zunächst einmal um die Verbindung, die entsteht zwischen Mensch und Produkt, die Kommunikation.
Zur Autorin:
Mahret Kupka lebt als freie Journalistin und Bloggerin in Berlin, wenn sie nicht gerade in Hamburg oder irgendwo anders ist. Ihre Texte zu Mode und Kunst sind in einschlägigen Zeitungen und Magazinen zu lesen. Tägliche Einblicke in ihr aufregendes Leben gewährt sie auf www.fnart.org.
von Mahret Kupka






