Tanzende Buchstaben
Pop in der Literatur
Wann und warum kam eigentlich der Pop in die Literatur? BLONDE-Autorin Nina Heitele hat die Werke von Nick Hornby, Johanna Merhof und Benjamin von Stuckrad-Barre unter die Lupe genommen und zeigt uns, dass Musik guter Stoff für gute Bücher sein kann.
Pop-Literaten wie Nick Hornby („High Fidelity“) oder Benjamin von Stuckrad-Barre („Soloalbum“) machen einfach. Und das mit einer Selbstverständlichkeit, die die Sinnfrage schon im Keim erstickt. Ihre Charaktere können nicht von der Musik lassen: Ein gutes Album ist ihnen allen mehr Freund als Produkt, treuer Begleiter in guten wie in schlechten Zeiten. Dass es gedauert hat, bis das alltägliche, selbstverständliche Hören von Platten und ebenso banales Fernsehgucken Akzeptanz in der Literatur gefunden haben, hat Hornby noch nie verstanden: „Irgendwann fragten sich also alle: ,Wie heisst diese Literatur, in der Menschen so was machen?“, klärte er die Frage nach der Definition von Pop-Literatur in einem Interview einst selbst: „Meine Antwort wäre gewesen: Es nennt sich Leben!“ Dr. Stefan Neumann, Dozent an der Bergischen Universität Wuppertal, erklärt: „Spätestens seit den 1990er-Jahren ist Popmusik in der Literatur kein Mittel mehr zur allgemeinen Abgrenzung von Jugendlichen, sondern dient entweder dazu, die Zugehörigkeit des Autors zu zeigen oder um Figuren zu charakterisieren.“
Musik zur Illustration der inneren Gefühlswelt: Während ein guter Popsong die Erleuchtung meist in drei Minuten bringt, braucht ein Buch manchmal hunderte von Seiten, bis es Zoom macht. Musik ist direkter – auf dem Weg zu deinem Herzen geht sie keine Umwege. Manche Schriftsteller haben das richtig, andere sogar richtig früh erkannt: „Thomas Mann hat versucht, über Schubert-Lieder die Gefühle seiner Leser zu steuern“, erklärt Neumann. „Heute passiert das dann eben über einen Song von Adele.“
Musik in ihrer puren Form ist sowohl Gefühlsträ- ger als auch -speicher. Sie bündelt Erinnerungen, saugt sie in sich auf und kotzt sie dir irgendwann schamlos vor die Füsse. Die emotionale Backpfeife, die einem der Ex im Takt eines unvergessenen Songs verpasst hat, hallt noch immer nach, sobald der entsprechende Titel im Ohr klingt. Musik konserviert den Augenblick wie in einem Marmeladenglas, den schönsten ebenso wie den schrecklichsten. Wer jedoch über Musik schreibt – man merkt es schon –, der kann nicht einfach auf „Repeat“ drücken, sondern muss weit ausholen. Der muss vom Leben erzählen. „Ich schreibe Bücher, weil ich keine Popsongs schreiben kann“, liess einst Nick Hornby verlauten und erklärte sein Kreativ-Dilemma: „In Songtexten kann ich nicht alles auflösen, weil da so wenig Platz ist.“ Statt Popsongs schreibt er also immer wieder über Popsongs. Und das mit der Leidenschaft, die wir beim Musikhören empfinden.
„Leidenschaft“ ist auch das richtige Stichwort, wenn es um Jungautorin Johanna Merhof geht. Ihr Debüt „Heartcore – Liebe ist ein Aufstand“ ist nicht nur eine Hommage an das grösste aller Gefühle, sondern auch ein literarisches Liebeslied auf die Musik – ein Liebeslied der feurigen Sorte. „Ich gehe an die Musik nicht theoretisch heran“, erklärt die 29-Jährige im Interview. „Mir geht es um das Gefühl, das sie überträgt. Mir fällt es leicht zu schreiben, was ich an Musik liebe und was Musik bewirken kann.“ Wenn Johanna Merhof spricht, dann surrt es angenehm in den Ohren. Ihr Lachen ist laut und kehlig, klingt nach Whiskey und Zigaretten. Auf den Unterarmen steht bis in alle Ewigkeit, so die gebürtige Kasselerin will, ihre Lebensund- Liebensweisheit geschrieben: „Bold as“ auf dem einen, „Love“ auf dem anderen Arm. „Bold as Love“ („Wagemutig wie Liebe“) – wie der Jimi-Hendrix-Song. „Das trifft es einfach“, sagt sie mit dieser tiefen Stimme, die sich nach einer schlaflosen Nacht anhört. „Wenn man liebt, muss man auch mutig sein, auf den anderen zugehen. Man hat viel zu verlieren. Man kann enttäuscht und verletzt werden. Ich glaube: Love needs boldness.“
Ihren kolumnenartig formulierten lebens-, aber nicht altklugen Geschichten und Gedanken über die Liebe in all ihren Formen – der Liebe zur Familie, zu dem einen oder auch zu sich selbst – hat Johanna Merhof in ihrem Buch jeweils ein Lied mit auf den Weg gegeben: „(You’re The) Devil In Disguise – Elvis Presley“ tönt es zum Beispiel in der Überschrift, wenn die Hass-Freundin des besten Freundes bei einem permanentes innerliches Kopfschütteln hervorruft, „Schritte auf der Treppe – Tocotronic“, wenn mit dem Erwachsenwerden die Erkenntnis wächst, dass man als Aussenstehender an der (Nicht-)Liebe zweier Menschen nichts ändern kann. Die musikalisch treffenden Überschriften habe sie erst im Nachhinein ausgewählt – als stummen Soundtrack für den Leser. „Mein Buch sollte ein Mehr haben und die Leute anregen, in die einzelnen Tracks reinzuhören“, erklärt sie und erzählt nicht ohne den Stolz einer Autorin, deren grösste Liebe die Musik ist: „Manche haben die Playlist aus meinem Buch genommen und sie in Musikform verschenkt. Das finde ich supergeil!“
Die tiefere Wahrheit ist, dass Johanna Merhof ihre eigene Melodie in die Sprache gelegt hat: Zahllose Wortspiele klingeln in den Ohren, Fragmente aus Songtexten, Zitate grosser Musiker und Literaten, schneller wird es, atemlos und zwischendurch wieder ganz still. „Der Beat eines Buches ist mir wichtig“, sagt sie selbst. Der Beat ihres Buches klingt nach – nicht nur im Kopf, sondern auch auf der Bühne. Als Johanna Merhof Mitte März im Berliner „Michelberger Hotel“ aus „Heartcore“ las, hatte sie Überraschungsgast Tim Bendzko („Nur mal kurz die Welt retten“) im Schlepptau und schuf zusammen mit dem Sänger eine erlebbare Erfahrung von Literatur und Musik. „Wer liebt, sollte nicht schweigen“, ist ihre Antwort auf die Frage, warum man nicht nur über Musik schreiben sollte, sondern es sogar muss. Und dafür schenken wir ihr einen ganzen Sack voll Ausrufezeichen.
Der Klang der Familie: Berlin, Techno und die Wende
Statt Musikgeschichten zu ersinnen, erzählen Felix Denk und Sven von Thülen Musikgeschichte – auf die menschelnde Art. In ihrem Interview-Buch sprechen frühere Gestalten der Nacht über die Zeit, in der sich der Techno in der ehemaligen Mauerstadt ausbreitete. Nicht nur was für (Möchtegern-) Berliner, sondern alle, die den Beat elektronischer Tanzmusik in ihren Venen spüren.
ISBN: 978-3518463208
Suhrkamp Verlag, 423 Seiten
14,99 Euro
Benjamin von Stuckrad-Barre
Soloalbum
Ausgerechnet per Fax macht Katharina nach vier Jahren mit ihm, Anfang 20, narzisstisch veranlagter Egomane, Schluss. Dummerweise merkt er zu spät, dass sie seine grosse Liebe war. Wer könnte den grössten Kummer von allen jetzt besser ausdrücken als Oasis? Schmissige Worte über den Soundtrack eines L(i)ebens.
ISBN: 978-3462034967
Kiepenheuer & Witsch, 246 Seiten
8,99 Euro
Nick Hornby
High Fidelity
Plattenladenbesitzer Rob sieht sich selbst als Spezialist auf dem Gebiet der Musik, teilt sein Leben bevorzugt in Top-Five-Listen ein – und steht plötzlich ohne Freundin da! Muss man(n) jetzt etwa erwachsen werden? Zum Schmunzeln, Schwelgen und Schwadronieren – über Musik, die Liebe und das manchmal recht seltsame Paarungsverhalten beider Geschlechter.
ISBN: 978-3426612705
Droemer Knaur, 336 Seiten 9,99 Euro
Harry Belafonte & Michael Shnayerson
My Song. Die Autobiographie
Sein Leben bietet Stoff für weit mehr als einen Song: Harry Belafonte war eine der ersten Ikonen des Pop, King des Calypso, Entertainer, Schauspieler und immer auch Polit-Aktivist. Irgendwann war jedes seiner Konzerte ein Statement. In seiner Biografie erzählt er die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts. Fesselnd!
ISBN: 978-3462044089
Kiepenheuer & Witsch, 656 Seiten 24,99 Euro
Johanna Merhof
Heartcore
Jungautorin Johanna Merhof hat die Leidenschaft für sich gepachtet: Ihre kolumnenartigen Texte erzählen von Liebe in all ihren Formen – der zum Partner, zu den Freunden, zur Familie, manchmal zum Alkohol, immer zur Musik und immer häufiger auch zu sich selbst. „Heartcore – Liebe ist ein Aufstand“ ist ein Buch zum Zurücklieben.
ISBN: 978-3596187393
Fischer, 336 Seiten 9,95 Euro
von Nina Heitele



