Grimes
The One Woman Show
Vermummt in Oversize-Camo-Parka steht sie auf der Bühne, sagt Hello, stellt ihr Elektronik-Equipment auf die richtige Frequenz und legt los. Sie wippt und tänzelt zur Musik, haucht in ihr Mikrofon und entführt das Publikum in andere Sphären. Grimes braucht keine Band, um cool zu sein, und das hat Eier.
Was bedeutet dein Künstlername für dich? Ist Grimes dieselbe Person wie Claire?
Grimes hat gar keine bestimmte Bedeutung, aber es ist fast dasselbe Wort wie „grime“, also „Dreck“ – und das erinnert mich daran, immer zu fighten und stark zu sein. Ausserdem klang mir Claire zu lieb und zart, das passt eher zu einer richtigen Popsängerin. Wenn ich Grimes bin, habe ich mehr Energie und kann richtig ausflippen. Claire muss im echten Leben zur Bank und zum Supermarkt, diese nervigen Dinge würde Grimes nie tun. Und als Grimes lasse ich mir weniger gefallen: keine Photoshootings, bei denen ich mein Top höher ziehen soll, um sexy zu wirken, und keine Manager, die versuchen, mich kommerziell zu verbiegen.
Das spiegelt sich auch in einigen Songs auf deinem vierten Album wider, dein Musikstil klingt sehr emanzipiert von herkömmlichen Genres. Wann musstest du dich einmal selbst in deinem Leben von etwas befreien?
Schwer zu sagen. Eigentlich war mein neues Album die totale Befreiung von alten, negativen Emotionen. Als Musikerin bin ich viel allein und hatte mich zum Schreiben der Songs drei Wochen in mein Zimmer eingeschlossen. Natürlich kommen da Gedanken auf wie „Shit, ich habe gerade keinen Boyfriend“. Und von solchen Ängsten konnte ich mich erst durch meine Musik befreien. Du hörst privat Musik aus dem Mittelalter.
Warum inspiriert dich diese melancholische Musik?
Mir gefällt die Idee von frommer Musik, obwohl ich eigentlich nicht religiös bin. Aber meine Musik ist für mich trotzdem etwas sehr Spirituelles. Und mich fasziniert die Idee, Kunst einem allmächtigen Wesen zu widmen. Vor allem im Mittelalter, als fast nur Grausamkeit herrschte, ist so viel inspirierende Musik entstanden. Die deutsche Nonne Hildegard von Bingen, die im 12. Jahrhundert gelebt hat, ist meine absolute Ikone! In jener Zeit war es ja in Europa fast überall verboten, Musik zu machen, ausser sie richtete sich an Gott. Hildegard von Bingen schaffte es nicht nur, in solch einer Epoche Musik zu komponieren und Bücher zu schreiben – sie tat es dazu noch als Frau, was völlig wahnsinnig war. Ich verehre sie und fühle mich zu ihrer düsteren Musik total hingezogen.
Eigentlich spüre ich momentan weniger Druck als früher. Noch vor zwei Jahren glaubte ich, etwas beweisen zu müssen. Ich hatte immer das Gefühl, kämpfen zu müssen, um mich als Musikerin zu rechtfertigen. Viele fragten mich immer zuerst: „Wo ist deine Band?!“ Das hat mich früher extrem gestresst. Aber dadurch, dass mein neues Album so gut ankommt, erhalte ich jetzt viel mehr Respekt. Auch aus der Musikwelt.
Im Video zum Song „Oblivion“ stehst du auf einem riesigen Sport-Event, singst zwischen Fans und auch in der Männerumkleide, wo Muskelprotze Hanteln stemmen. Konntest du dir dort auch Respekt verschaffen?
Ganz ehrlich? Das war mega-peinlich! Ich hatte ja einfach meine Kopfhörer auf, habe meine Musik gehört und vor der Kamera meine Lippen bewegt. Die Fans fragten sich wohl, was ich denn für ein verrückter Vogel wäre; manche haben sogar Bierbecher nach mir geworfen. Aber ich liebe dieses natürliche Setting bei Videodrehs, bei denen du nicht weisst, was passieren wird, weil es illegal ist. Die Szenen in der Umkleide waren ge- nauso spontan. Ich hatte die Jungs ein- fach gefragt, ob wir kurz ein Video drehen könnten. Einer von ihnen war immerhin der Freund von meinem Bruder.
Was nimmst du alles mit auf Tour? Gibt es drei Dinge, die auf Reisen immer dabei sein müssen?
Meine Sonnenbrille muss immer dabei sein und mein Military-Parka. Der war auch eine hervorragende Decke zum Schlafen, als wir heute Morgen aus dem Berghain gekommen sind. Dann trage ich noch ein Comicbuch mit vielen Fotos und Zeichnungen von meinen Freunden immer in meiner Tasche. Und eigentlich auch meinen Teddy, aber der ist gerade bei meinen Eltern zu Hause. Die Fashion-Szene fährt total auf Grimes ab. Vor kurzem hat sogar die „Vogue“ bei dir angeklopft und dir eine Modestrecke angeboten.
Wie würdest du deinen eigenen Style beschreiben?
Ja, das „Vogue“-Shooting steht noch aus. Privat mag ich Kleider, die verstörend wirken. Die Leute um mich herum sind mir oft viel zu clean angezogen. Ich mag es gerne ein bisschen rough, schwere Boots zum Beispiel, und auch ab und zu spirituell: Ich trage häufig ein drittes Auge als Aufkleber auf meiner Stirn. Mein Kleidungsstil ist eher männlich, das verschafft einem als Frau im Musik-Business mehr Respekt, zum Beispiel bei Produzenten.
Meinst du, du trägst lieber Jungsklamotten, weil du mit vier Brüdern aufgewachsen bist?
Das kann gut sein, diese „Girly Plastic Pink“-Phase habe ich jedenfalls definitiv verpasst, als ich klein war. Ich habe immer lieber mit Autos gespielt und bin in Basketball-Shirts und Sneakers rumgerannt – ein richtiger Tomboy eben. Das Lustige ist, dass mir vor meiner Musiker- karriere Mode ziemlich egal war, die meisten Klamotten habe ich mir selbst genäht. Langsam finde ich es aber cool, Modemagazine zu lesen und mehr über Designer zu erfahren.
Wonach suchst du deine Bühnen-Outfits aus?
Ich trage meistens das Gleiche, was ich auch schon tagsüber angehabt habe. In meinen Videos oder bei Photoshootings spiele ich gerne mit Mode, auf der Bühne trage ich lieber bequemes Zeug.
Ein crazy Bühnen-Outfit à la Lady Gaga oder Nicki Minaj wäre also nichts für dich?
Klar ist es spannend, mit der visuellen Wirkung des Körpers zu spielen, aber auf Tour kann ich meistens nicht viele Dinge mitnehmen. Deswegen trage ich gerade nonstop diese weissen Plateauschuhe: Sie sind bequem und stylish. Wie sich Lady Gaga oder Nicki Minaj kleiden, finde ich aber extrem cool. Als Musikerin wirkt man ja stark visuell auf die Zuschauer und Leute sind allgemein immer fasziniert vom Style anderer. Deswegen schauen wir uns auch lieber Portraits an als Landschaftsbilder.
Es gibt auch Schmuck von dir, die Grimes Pussy Rings. Wieso hast du Ringe in Vagina- Form entworfen?
Eigentlich hat sie mein Freund Morgan Black entworfen. Er ist ein unglaublicher Designer! Wir gehen oft auf Schrottplätze und bauen die verrücktesten Sachen. Die Ringe habe ich herausgebracht, weil es ein Teil vom Kunstprojekt Grimes ist, mit Freunden in einer Kommune zu leben und sich gegenseitig zu unterstützen. Ausserdem hatte ich die Nase voll davon, irgendeine Firma zu bezahlen, damit sie langweilige Fan-Shirts für mich herstellt. Ich finde es viel cooler, wenn man bei meinen Konzerten richtige Kunst kaufen kann. Die Ringform ist ein starkes weibliches Statement und in Clubs oder Konzerthallen sind ja immer irgendwo Schwänze an die Wände gekritzelt – hast du jemals dazwischen eine Vagina gesehen? Nein. Meine Ringe setzen diesem Macho-Gehabe einfach etwas entgegen. Ab und zu trage ich sie auch auf der Bühne, am liebsten mit meinem Nonnenkragen. Ich finde es lustig, die Leute zu provozieren!
Wer ist dein momentaner Lieblings-Boy? Dein persönlicher Superhero?
Im Moment sind das die Jungs aus meiner Vorband Doldrums: Bill, Matt und Justin. Die Jungs waren schon auf meiner ersten Tour dabei. Sie sind meine besten Freunde und wir hängen die ganze Zeit zusammen ab. Und natürlich meine vier Brüder. Mein jüngerer Bruder begleitet mich auch gerade auf Tour.
Hast du jemals gedacht, dass du lieber ein Junge als ein Mädchen wärst?
Nein, ich bin total froh, ein Mädchen zu sein! Das Gute daran ist nämlich, dass die Leute nicht so viel von dir erwarten wie von den Jungs. Und dann kannst du sie völlig überrumpeln mit dem, was du auf der Bühne ablieferst. Ich habe oft das Bedürfnis, durch meine Musik ein bisschen mehr Frauenpower in die Musikwelt zu bringen. Es gibt zwar viele coole Musikerinnen, aber auf Tour sind sonst fast nur Männer dabei: Tontechniker, Leute vom Platten-Label oder Produzenten. An der Art und Weise, wie Frauen im Musik- Business wahrgenommen werden, sollte sich definitiv etwas ändern.
Welcher Musiker inspiriert dich zurzeit am meisten?
Ganz klar: Marilyn Manson!
Hast du gerade einen Ohrwurm?
Es ist ganz schlimm, ich habe immer den gleichen Ohrwurm, schon seit ich klein gewesen bin: Boléro, dieses Orchesterstück von Maurice Ravel. Die Melodie habe ich ständig im Ohr. Das Lied ist bei mir so eine Art Tinnitus geworden!
Du bist vor drei Jahren mit deinem damaligen Freund und einer Menge Hühner in einem selbst gebauten Hausboot den Mississippi runtergefahren. Kurz nach dem Start wurdet ihr aber von der Polizei angehalten. Gibt es eine Fortsetzung dieser Reise?
Ach, das war so eine ärgerliche Sache! Ich hatte einen Bootsführerschein, das Boot war ordnungsgemäss angemeldet, alles war legal und trotzdem hat uns die Polizei verhaftet. Und weisst du, was sie zu mir gesagt haben? „Ich gebe einen Scheiss auf dich. Ich mag einfach nicht, wie du aussiehst!“ Die Polizei in den USA ist extrem brutal. Ich habe jetzt noch eine riesige Wut im Bauch, wenn ich darüber nachdenke. Den Trip habe ich erst mal abgehakt. Ich möchte aber ab Herbst für ein halbes Jahr nach L.A. ziehen und dort andere Musiker produzieren. Das ist momentan der Plan. Danach wird es mit Grimes aber auf jeden Fall wieder weitergehen, diese Reise ist noch nicht vorbei. „ich bin immer lieber in Basketball- shirts und sneakers rumgerannt – Ein richtiger Tomboy eben.“
von Anna Bok



