Mehr als ein Song
Gotye im Interview
Youtube-Hype, Charts, Cover-Versionen und Parodien: Mit „Somebody that I used to know“ hat der australische Musiker Gotye in den letzten Monaten unsere Ohren gewurmt, unser tägliches Summen dirigiert und uns ein sensationelles Musikvideo beschert. BLONDE hat sich mit Sänger „Wally“ getroffen und wollte wissen, ob er in einem Jahr nur jemand ist, den wir mal kannten. Die Antwort lautet: Nein.
Vor ein paar Stunden streckte sich „Wally“ noch ächzend auf einer Bierbank im Backstage-Bereich des Hamburger Clubs „Uebel & Gefährlich“, trank Tee und erzählte von einer Erkältung gepaart mit einem gelungenen Vorabend: Seine Stimme sei etwas angeschlagen. Jetzt steht er mit seiner Band als Gotye auf der Bühne, spielt ein ausverkauftes Konzert und jeder Ton sitzt. Seine teilweise unerwartet experimentellen Klänge und Sound-Kompositionen werden von grossartigen Visuals begleitet. Wir sind gebannt und elektrisiert. Bis zu den ersten vier Klängen von „Somebody That I Used To Know“ haben wir ganz vergessen, dass doch alle nur wegen einem Song hier sind. Oder etwa nicht?
BLONDE: Wally, Hand aufs Herz: Kannst du das Lied noch hören?
WALLY: Ich mag den Song schon noch. Aber ein grosser Teil von mir fühlt sich mit dem Lied nicht mehr so verbunden, weil es so sehr gehypt wurde. Dennoch sind da einige gute Ideen und Parts in dem Song. Ich mag die Herausforderung, ihn zu singen, weil es eine sehr schwierige Live-Nummer ist. Sie verlangt mir beide Extreme meiner Stimme ab: die höchsten und die tiefsten Töne, die ich singen kann.
Hast du Angst, ein One Hit Wonder zu werden?
Wenn ich das Gefühl hätte, würde ich sofort aufhören, den Song zu spielen! Es wäre aber schon schön, wenn sich Leute auch ein paar andere Sachen von mir anhören würden. Ich finde zum Beispiel, dass es auf meinem aktuellen Album bessere Songs gibt als „Somebody That I Used To Know“.
Welche sind das?
Meine Favoriten sind „Bronte“, „State of the Arts“ und „Save Me“. Aber ich verstehe, dass diese Songs nicht unbedingt ein breites Publikum ansprechen. Ich glaube, dass die Thematik einer gescheiterten Beziehung so massentauglich ist, weil jeder etwas damit anfangen kann. Deswegen hat dieser Song so grossen Erfolg.
Wie war der Bodypainting-Videodreh mit Kimbra?
Sehr lang! Wir haben zwei ganze Tage gedreht, wobei der zweite Tag 26 Stunden hatte: Um sieben Uhr morgens sind wir ins Studio gegangen, um neun Uhr am nächsten Morgen kamen wir wieder raus. Aber ich finde, es hat sich gelohnt!
Definitiv! Doch warum sollte ich jetzt dein Album „Making Mirrors“ hören?
Vielleicht, weil du eine Stunde Zeit totschlagen musst? Nein, ich denke, es gibt auf dem Album sehr viel zu entdecken. Es ist sehr facettenreich. Manch einer würde auch behaupten, es klingt wie zwölf verschiedene Bands auf einer Platte. Aber ich denke, durch meine Stimme und ein paar andere Faktoren gibt es dennoch eine gewisse Zusammengehörigkeit.
Warum sollte ich ein Konzert von dir besuchen?
Weil es sehr energetisch ist. Live entwickeln die Songs noch mal eine ganz eigene Dynamik, die durch die Visuals von grossartigen Künstlern und der Performance der Band verstärkt wird. Ausserdem experimentiere ich gerne mit elektronischen Einflüssen und den Möglichkeiten der Technik – das hat live natürlich auch eine sehr intensive Wirkung.
Was machst du, wenn du dich wie neu geboren fühlen willst?
Oh, das ist einfach: Ich wohne am Rand von Melbourne und habe das Meer vor der Tür. Ein Sprung in die Wellen und du fühlst dich wie ein neuer Mensch!
von Turid Reinicke