Yoan Lemoine
Der Herr der Bilder
„Yoann Lemoine? Kenn ich nich’.“ Kennst du doch! Vielleicht nicht seinen Namen, nicht sein Gesicht, dafür aber seine bewegten Bilder. Mit den morbide angehauchten Clips zu Lana Del Reys Singles „Born To Die“ und „Bl ue Jeans“ oder Videoarbeiten für Katy Perry und Yelle sorgte der studierte Illustrator dafür, dass seine prominenten Kunden noch prominenter wurden.
Nun ist der Franzose unter dem Künstlernamen Woodkid selbst dabei, als Musiker den ganz groSS en Wurf zu landen – weil er verstanden hat, wie wichtig visuelle Präsentation im Pop ist. Im Frühjahr 2011 liess der 29-Jährige mit seinem Clip zur Single „Iron“ zum ersten Mal ein Video für sich und seine Musik, einen treibenden, eindringlichen Sound zwischen Elektro-Beats, Pop und Alternative, arbeiten. In dem epischen schwarz-weissen Meisterwerk in Slow Motion bewegte sich Model Agyness Deyn als androgyne Kriegerin neben einem ekstatischen bübischen Prediger. Da gab es mysteriöse Tattoos und eine überästhetisierte Flucht vor etwas, das auch der Weltuntergang hätte sein können. Verstörend. Betörend. Auf seine zerstörte Art wunderschön. Millionen klickten bis heute allein über YouTube rein und blieben staunend zurück. Doch wer eine detaillierte Erklärung des visuellen Werks will, bekommt von Yoann Lemoine meist nur noch mehr Stoff für Interpretation. Der Herr der Bilder lebt und liebt das Rätsel und bezieht seine Inspiration aus den Themen, die die Menschheit schon immer ins Grübeln gebracht haben. „Mythologie gehört zu den grössten Einflüssen auf meine Arbeit“, sagt er. „Die Welt, die ich um Woodkid herum kreiere, ist eine Art moderne Mythologie.“ Wer Yoann Lemoine einmal durch sein Videowerk kennengelernt hat, der wird ihn nicht vergessen, sondern von ihm erzählen.
Die aktuelle Woodkid-Single: Run Boy Run
Weil seine Bilder im Kopf bleiben, anregen und inspirieren. Der Sog seiner Kunst entsteht durch die Vorstellungen, die in den Köpfen der Zuschauer entstehen. Durch die eigenen Bilder, die gedanklich seine Bilderflut ergänzen. Was ist Wirklichkeit, was Gedankenspiel? In seinen Videos verwischt er diese Grenzen bewusst. „Ich liebe das grosse Abenteuer und wenn sich die Realität mit der Fantasie vermischt“, so Lemoine. Den visuellen Beweis lieferte er mit seinem Video zur Single „Run Boy Run“ gleich mit. Darin erzählt er die fabelhafte Flucht eines Jungen von einem unwirklichen, geisterhaften Ort. Mit dem Ranzen auf dem Rücken türmt der Kleine durch eine finstere Welt voller Monster, die auf einer anderen Ebene für seine Ängste stehen könnten, und macht sie zu seinen Verbündeten. Das grosse Thema des Erwachsenwerdens verfolgt Woodkid auf seinem ersten Album „The Golden Age“ (VÖ: Ende 2012) weiter. „Es nimmt auf die Phasen der Kindheit Bezug, in denen du unschuldig bist“, erklärt er. „Das Album beginnt mit dem Moment, in dem du aufwächst, der Gesellschaft gegenübertreten und Verantwortung übernehmen musst.“ So wie der kleine Junge. Gewappnet reckt er einer weissen Stadt am Ende ein Holzschwert entgegen. Mit seinen Monstern im Rücken.
von Nina Heitele